Dienstag, 13. Mai 2014

Der ESC ist mir Wurst

Es muss 1982 gewesen sein, denn der Culture Club hatte mit "Do You Really Want To Hurt Me" seinen ersten großen Hit. Mein Bruder spielte mir den Song vor, zeigte mir den Boy George-Aufkleber auf seiner Schreibtischlampe und sagte: "Das ist ein Mann, der sich wie eine Frau anzieht." Und ich dachte so: "Krass." Ich dachte natürlich nicht "krass". "Krass" war zu Beginn der 1980er kein gängiger Begriff. Wäre er's gewesen, hätte ich krass gedacht. So dachte ich wahrscheinlich eher: "Oh. Aha?!" Menschenskind, ich war sechs Jahre alt. Was soll man da in einer solchen Situation schon groß denken?

Wohl aber begriff ich: Das scheint irgendwie neu zu sein, wenn es schon den Flüsterton der Verschwiegenheit braucht, um sich darüber auszutauschen. Wie neu das tatsächlich war, wird einem erst recht bewusst, wenn man sich den Ausgang des diesjährigen European Song Contest anschaut.

Ein androgynes, ätherisches, grell überschminktes Wesen, das in ein Mikro haucht, man möge es doch bitte nicht verletzen – zu einer Zeit, als Homosexualität hierzulande noch wirklich ein Reizthema war: Das ist ein politisches Statement. Hape Kerkerlings unvergessene Antwort auf, sein souveräner Umgang mit dem Zwangs-Coming-Out durch Rosa von Praunheim 1991: Das ist ein Zeichen für Toleranz. Olivia Jones auf dem NPD-Parteitag in Hannover: Das ist ein mutiger Vorstoß. Conchita Wursts Sieg beim ESC 2014? Da zitiere ich doch gern und glatt den großen Max Goldt: "Ich aber gähne und sage, ach was." Zumal hinter all der "Politik" jetzt gern vergessen wird, wie marginal der künstlerische Beitrag ist – was überhaupt das größte Ärgernis darstellt.

Vielleicht ist die (auch von mir) gerne geschmähte Standard-Replik "Jedem nach seiner Fasson" oft schon das höchste der Gefühle. Vielleicht kommt sie im Zweifelsfall nicht von homophoben Mitbürgern sondern von Menschen, die sich behaglich in ihrer kleinen Welt eingerichtet haben und da nicht heraus gezerrt, deren Bewusstseine nicht zwangsweise erweitert werden müssen. Sonst kehrt sich am Ende alles gegen die Bekehrer. Wer die entscheidenden gesellschaftlichen Schritte von Toleranz zu Akzeptanz zu Integration schaffen will, muss dahin gehen, wo's weh tut – bestimmt nicht nach Berlin.

Ich bin in meinem Leben einigen intolerante Menschen begegnet. Es waren zuweilen schwule dabei.

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